Brief an Google Translate

Lieber kleiner Bruder

Google feiert das 10-jährige Jubiläum seines Übersetzungsprogramms («Google fête les 10 ans de son traducteur»), titelte die Westschweizer Tageszeitung Le Temps am 23. Mai 2016. Gerührt verdrücken wir eine Träne und stellen uns vor, wie du, kleiner Bruder, die Kerzen auf deinem Geburtstagskuchen ausbläst. Wir müssen zugeben, dass du seit deinen ersten gebrabbelten Lauten im Jahr 2006 grosse Fortschritte gemacht hast. Den Beweis liefern die 500 Millionen Nutzerinnen und Nutzer von Google Translate. Sie sind sicher sehr froh darüber, dass du über 100 Milliarden Wörter pro Tag aus den und in die verschiedensten Sprachen übersetzen kannst. Einige von ihnen sind so naiv zu glauben, dass du ihnen auf Knopfdruck eine professionelle Übersetzung lieferst. Die von dir erzeugten, manchmal äusserst amüsanten Ergebnisse bringen uns zum Lachen, was ja angeblich der Gesundheit sehr zuträglich sein soll. Dankbar sind bestimmt auch jene vorsichtigen Zeitgenossen, die bei jeder noch so kurzen fremdsprachigen Nachricht auf Nummer sicher gehen möchten und dich ein wenig als den heiligen Gral ansehen. Zudem du ja auch ankündigst, ihnen in naher Zukunft die Übersetzung direkt ins Ohr flüstern zu können, egal ob am Strand oder im Restaurant. Kann man sich in unserer globalisierten Gesellschaft einen nützlicheren Helfer vorstellen?


Schon zehn Jahre alt... Aber wer beherrscht denn in diesem Alter schon eine oder gar mehrere Sprachen perfekt? Du wirst noch Jahre brauchen, um mit dem linguistischen und kognitiven Wissen eines Menschen konkurrieren zu können, der sich mit Verträgen, Börsenberichten oder wissenschaftlichen Abhandlungen auseinandersetzte, der ganze Bibliotheken verschlang, der von Fachleuten korrigiert und angeleitet wurde und in der Lage ist, einen Kunden fachgerecht zu beraten, wenn dieser mit dem Geschreibsel eines Zehnjährigen herzlich wenig anfangen kann.


Schlag doch die guten Ratschläge der gewissenhaften Handwerker in den Wind, pfeif auf die Perfektionisten, die angesichts eines unverständlichen Satzes die Nase rümpfen. Übermenschen gibt es ebenso wenig wie Supermaschinen, und dein Programm hilft den Benutzern immerhin dabei, sich über alles und jedes oberflächlich zu informieren, einen auf Chinesisch verfassten Artikel zu überfliegen oder den holländisch sprechenden Nachbarn zu grüssen. Du gibst dir redlich Mühe, bist wissbegierig und ehrgeizig, und du räumst mit erfrischender Offenheit sogar ein, dass du dir von 3,5 Millionen Freiwilligen dabei helfen lässt, die gröbsten Fehler in deinem Programm auszumerzen.


Wir bitten dich nur um eins, du Jungspund: Respektiere die älteren Rechte deines grossen Bruders, denn der Schweizerische Übersetzer-, Terminologen- und Dolmetscher-Verband ASTTI hat ein halbes Jahrhundert Erfahrung auf dem Buckel. Stell dir einmal vor, wie viele übersetzte Zeilen, Seiten und Werke das sind, wie viel Wissen und welche Fähigkeiten in dieser Zeit angehäuft wurden! Und genau dies schätzen unsere Auftraggeber. Vielleicht wirst du das eines Tages begreifen, kleiner Bruder Google Translate, wenn du einmal den Kinderschuhen entwachsen bist... Aber auch dann wird dir ein gebildeter Mensch mit seiner Intuition und seiner Neugierde, mit seinen feinen Antennen für Sprachwitz und Anspielungen immer noch um einiges überlegen sein, denn er erfasst und übersetzt auch das, was zwischen den Zeilen steht und manchmal unübersetzbar scheint.

Christoph Rüegger, neuer Präsident des Schweizerischen Übersetzer-, Terminologen- und Dolmetscher-Verbandes (ASTTI), Bern

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